Portrait Gert De Winter und Andrea Burckhardt

Interview

Wir müssen ein Kundenerlebnis schaffen.

Gert De Winter, Vorsitzender der Konzernleitung (Group CEO)

Die Baloise Group hat mit dem Gert De Winter seit dem 1. Januar 2016 einen neuen Vorsitzenden der Konzernleitung (Group CEO). Der 49-jährige Belgier arbeitet seit elf Jahren bei der Baloise und war zuletzt CEO der Baloise Insurance Belgien. Im Interview erklären Verwaltungsratspräsident Andreas Burckhardt und Gert De Winter, was diese neue Ära für die Zukunft bedeutet und wie sich die Baloise den Herausforderungen der Versicherungsbranche stellt.

Mit der Ernennung von Gert De Winter setzt der Verwaltungsrat auf Bewährtes, nichts Neues also bei der Baloise?

Andreas Burckhardt: Falsch. Da sind der Verwaltungsrat und ich ganz anderer Ansicht. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Gert De Winter die Baloise Group nach elf Jahren kennt. Er weiss wie wir funktionieren und lebt unsere Werte. Er wurde aber nicht deswegen zum neuen CEO ernannt. Gert De Winter hat sich nach einem langen und ausgiebigen Prozess gegen externe Kandidaten durchgesetzt und den Verwaltungsrat überzeugt. Er bringt mit seinen Erfahrungen als CEO in Belgien und mit seinem Hintergrund sowie seinen Erfahrungen als Verantwortlicher für IT aber auch Human Resources sehr wohl neue Ideen mit, welche es uns ermöglichen werden, ein neues Erfolgskapitel der Baloise aufzuschlagen. Es ist auch nicht so, dass wir jemanden gesucht haben oder benötigen, der eine Wende herbeiführen muss. Der Baloise geht es gut. Gert De Winter soll und wird auf Bewährtem aufbauen, bringt aber auch das Rüstzeug mit, jene Impulse zu setzen, um das Geschäft mit Blick auf die kommenden Herausforderungen weiterzuentwickeln.

Welches sind denn die Herausforderungen, vor denen Sie und die Branche stehen?

Portrait Andreas Burckhardt

Andreas Burckhardt: Zur Zeit sprechen alle von Digitalisierung. Sie wird die Branche ohne Zweifel langfristig beeinflussen, nur kann uns auch kein noch so versierter Experte sagen, wann und wie. Fakt ist aber, dass die Kernkompetenz der Versicherungen, nämlich Daten zu analysieren und sie für ihr Kerngeschäft - das Tragen respektive Übernehmen von Risiken gegen Prämie - zu verwenden, nicht mehr alleine bei den Versicherungen liegt. Branchenfremde Unternehmen sammeln heute weit mehr Daten als die Versicherungsbranche und irgendwann, werden sie daraus Kapital schlagen wollen. Deshalb müssen wir als Versicherer heute die Weichen stellen, damit wir unseren Vorsprung, die Daten für unsere Kunden einzusetzen, wahren können. Hier steht auch die Frage im Raum, ob wir als Versicherung in Zukunft nur Risikoträger sein wollen oder unser Geschäftsmodell erweitern. Die Baloise setzt mit ihrer Positionierung im Bereich Sicherheit ja schon länger genau auf die Karte Prävention. Wir stellen uns somit diesen künftigen Herausforderungen aus einer Position der Stärke. Daneben sind die schwierige Zinssituation sowie die Frankenstärke trotz des Endes Jahres gesendeten Signals der amerikanische Zentralbank Fed nicht ausgestanden. Sorgen machten uns zudem der massiv gestiegene Aufwand für die Regulierung und die immer enger werdende Regulierung. Das Umfeld können wir nicht beeinflussen, aber den Regulierungen entgegenzuwirken hat die Politik und damit wir als Staatbürger selbst in der Hand. Hier wünsche ich mir ein besseres Verständnis und Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik, damit wir als Wirtschaftsunternehmen gegenüber Konkurrenten in anderen Ländern auch weiterhin wettbewerbsfähig bleiben.

Was macht der neue CEO denn anders als der Vorgänger?

Gert De Winter: Es liegt nicht an mir, Vergleiche anzustellen. Grundsätzlich hat jeder seine eigene Persönlichkeit, was schon alleine dazu führt, dass jeder Dinge anders anpackt. Die Baloise hat in den letzten Jahren sehr gut gearbeitet, was die Erfolge und Resultate der Vergangenheit beweisen. Es geht also nicht darum, etwas grundsätzlich anders zu machen. Auf der anderen Seite steht die Branche vor grossen Herausforderungen. Meine Aufgabe wird es sein, die Baloise auf diese vorzubereiten und dabei auch neue Wege zu gehen. Ich werde jeden Tag alles tun, diese Wege gegenüber Mitarbeitenden, Kunden, Partnern und Aktionären aufzuzeigen, konsequent zu vertreten und sie dafür zu begeistern.

Wie wollen Sie die angesprochenen Herausforderungen anpacken?

Portrait Gert De Winter

Gert De Winter: Andreas Burckhardt hat es angesprochen. Wir stehen im Spannungsfeld zwischen den tiefsten je erlebten Zinsen, einem intensiven Wettbewerb sowie zunehmender Regulierung. Nicht nur verringert die Regulierung den Spielraum für Schweizer Versicherer laufend, sie kostet auch. Alleine für Gebühren an Aufsichtsbehörden zahlen wir neben internem Aufwand 5.7 Mio. CHF. Neben den Rahmenbedingungen ist auch der Markt in Bewegung. Die digitale Revolution hat das Konsumverhalten der Menschen verändert und wird es weiter verändern. Dies wirkt sich auch auf unser Geschäft aus. Einfachheit, Flexibilität und Transparenz unter gleichzeitigem Anspruch von maximaler Sicherheit beeinflussen die Kundenentscheidungen und setzen hohe Ansprüche an die Erwartungen unserer Dienstleistungen. Die Positionierung der Baloise im Bereich Sicherheit ist ein erster Schritt. Wir können uns aber nicht einfach darauf verlassen und stehenbleiben. Was in der Vergangenheit funktioniert hat, garantiert den Erfolg in der Zukunft nicht zwingend. Wir wollen auch künftig mehr als nur eine Versicherung sein. Die emotionale Bindung zum Kunden als Partner ist dabei entscheidend. Wir müssen ein Kundenerlebnis schaffen. Der Kunde soll jeden Tag spüren, dass unsere Dienstleistungen einfach, schnell und korrekt erbracht werden und ihn am Ende des Tages sicherer machen. Dies funktioniert nicht, wenn wir nur Risikoträger sind. Meine Aufgabe sehe ich deshalb darin, die Mitarbeitenden zu motivieren und zu überzeugen, dass solche Kundenerlebnisse durch jeden einzelnen Mitarbeitenden auch in der vermeintlich emotionslosen Welt der Versicherungen geschaffen werden können.

Wie sollen Sie das erreichen?

Gert De Winter: Als Erstes dürfen wir den Kern unseres Geschäftes nicht ausser Acht lassen. Das was wir am besten können und wo unser Know-how liegt. Wir werden deshalb nicht von unserer Vorgabe des Zielkundenmanagements abrücken. Dem Fokus auf ertragreiche Zielkunden, welche sich sicher fühlen wollen und es schätzen, wenn wir sie dabei unterstützen, sodass ein Schaden gar nicht erst eintritt. Wir sind selbstverständlich zur Stelle, falls ein Schadenfall eintreten sollte. Im Interesse aller bei uns Versicherten, suchen wir aber Kunden, welche nicht nur ein Risiko absichern, sondern selbst zur Minimierung von Risiken Minimierung beitragen. Davon haben langfristig alle etwas, der Kunde und wir als Unternehmen. Mit dem Abschluss einer Versicherung ist es deshalb nicht getan. Wir wollen nicht warten, bis der Schaden eintritt, sondern Dienstleistungen zur Verfügung stellen, welche über die Police hinaus helfen, dass sich der Kunde sicher fühlt. Dies geht von Sicherheitsdienstleistungen über aktive Hilfeleistungen bis zur Prävention. Hier können sich künftig durchaus auch neue Geschäftsfelder ausserhalb des klassischen Versicherungsgeschäftes für die Baloise auftun.

Aber der Kern des Versicherungsgeschäftes steht auch unter Druck zudem bleibt der deutsche Markt ein Thema. Was wollen Sie dagegen tun?

Andreas Burckhardt: Das Geschäft mit Lebensversicherungen ist aufgrund der Zinssituation nicht einfach. Garantien können kaum mehr versprochen werden oder sind zu wenig attraktiv für den Kunden. Darunter leidet das Neugeschäft in der traditionellen Lebensversicherung zwangsläufig. Aber das Sicherheitsbedürfnis der Kunden bleibt. Wir setzen deshalb schon länger auf innovative Versicherungslösungen mit tieferen oder gar keinen Garantien, welche eine Grundsicherheit geben und gleichzeitig ermöglichen, besser und schneller auf aktuelle Marktgegebenheiten zu reagieren und entsprechend zu investieren. Dadurch können sich speziell im Kollektivlebengeschäft durchaus attraktive Überschüsse für die Versicherten ergeben. Gerade kleine und mittlere Unternehmen schätzen dies. Was Deutschland betrifft, sind wir von den Möglichkeiten und Chancen überzeugt. Es braucht Zeit, mehr als wir anfangs gedacht haben, aber wir können in diesem Markt erfolgreich sein. Dies zeigen uns die Erfolge, welche wir bisher erzielt haben. Mit den Kernmärkten Schweiz, Deutschland, Belgien und Luxemburg ist die Baloise gut aufgestellt und daran soll sich auch nichts ändern.

Gert De Winter: Ich hab aufgrund meiner Erfahrungen aus Belgien gelernt, dass man Erfolg nicht erzwingen kann. Ich bin selbst manchmal ein ungeduldiger Mensch. Wenn man aber als Unternehmen - und die Mitarbeitenden im Speziellen - vom Geschäftsmodell überzeugt ist, wird sich der Erfolg einstellen. Die Baloise hat einen Leistungsausweis in operativer Exzellenz. Diesen müssen wir gepaart mit Hartnäckigkeit ausspielen. Als wir vor rund 15 Jahren unser Zielkundenmanagement lancierten, wurden wir oft gefragt, was wir denn anders machen. Jedes Unternehmen proklamiert, den Kunden ins Zentrum zu stellen. Wo unterscheidet sich da die Baloise? Die Antwort ist einfach: Der Unterschied liegt darin, dass wir ein Ziel mit aller Konsequenz und mit dem Engagement jedes einzelnen Mitarbeitenden verfolgen. Schliesslich hat uns dies heute zu einem der profitabelsten Versicherer Europas gemacht.

Versprechen Sie dem Aktionär nun eine Wachstumsstrategie?

Andreas Burckhardt: Wachstum um des Wachstums willen ist nicht der Weg, den die Baloise geht. Das profitable, organische Wachstum forcieren wir ja schon länger, unterstützt durch unser Zielkundenmanagement. Wenn sich Möglichkeiten ergeben, wachsen wir auch anorganisch, wie in den letzten Jahren in Belgien oder Luxemburg. Wir prüfen anorganische Wachstumsmöglichkeiten nach klaren Kriterien. Sie müssen wertschöpfende sein. Der Erfolg hat uns und den Aktionären in den vergangenen Jahren Recht gegeben. Unsere attraktive und nachhaltige Dividendenpolitik ist ein Beispiel dafür. Daran soll sich deshalb auch künftig, ungeachtet der Herausforderungen welche uns bevorstehen mögen, nichts ändern.

Das Interview wurde von Dominik Marbet, Head Group External Communications, geführt.