C-Level Insights

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Thomas Schöb
Leiter Produktmanagement Kollektiv-Leben und Rechtsdienst

Thomas Schöb, die Baloise experimentiert aktuell an der Entwicklung einer Vorsorge-Plattform. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ganz einfach ausgedrückt handelt es sich hier um die ersten Entwicklungsschritte der Vision eines elektronischen Vorsorgedossiers, in welchem alle Informationen über die drei Säulen, die verschiedenen Arbeitgeber und Versicherungen aufgeführt sind. Eine Open-Source-Plattform, die die Informationen aus allen Vorsorgeinstitutionen digitalisiert und zusammenfasst, soll das ermöglichen.

Wie kam es zu dieser Idee?

Die Idee entstand eigentlich aus dem Wunsch, die Vermittlung und den Datenaustausch zwischen verschiedenen Vorsorgeeinrichtungen zu erleichtern. Bei einem Stellenwechsel kommt heute ein sehr kompliziertes Papier-Prozedere ins Rollen. Dieses wollen wir durch einen neuen, weit weniger komplexen und vor allem effizienteren, papierlosen Prozess ersetzen. Die Vision der Integration der zwei weiteren Säulen ist aus Sicht der Vollständigkeit und einfachen Nutzung der Plattform eine logische Fortführung dieses Gedankens.

Wenn wir nun alle an einem Strang ziehen, dann hat die Vorsorgeplattform sicherlich das Potenzial, in unserer Branche ein Ausrufezeichen zu setzen und einen neuen, digitalen Standard einzuläuten.

Wie sieht die aktuelle Prozesskette aus, die bei einem Stellenwechsel bei den Vorsorgeeinrichtungen anfällt?

Es handelt sich aktuell noch um einen sehr zähen Prozess. Die Zusammenarbeit zwischen den Vorsorgeeinrichtungen ist durch die fehlende Digitalisierung und Automatisierung umständlich und nimmt viel Zeit in Anspruch: Die alte Pensionskasse fragt den Arbeitnehmer nach seiner neuen Pensionskasse. Der Arbeitnehmer wiederum wendet sich für diese Information in der Regel an seinen neuen Arbeitgeber und liefert die neuen Daten an die alte Pensionskasse, worauf diese die Freizügigkeitsleistung an die neue Pensionskasse überweisen kann. Bei diesem Prozess werden bei beiden betroffenen Pensionskassen viele Daten aktuell noch manuell in die entsprechenden Systeme dieser Vorsorgeeinrichtungen erfasst. Durch den Papierverkehr entsteht ein langwieriges Hin und Her zwischen verschiedensten Parteien wie dem neuen Arbeitgeber, dem Arbeitnehmer sowie den involvierten Pensionskassen. Da es sich bei Freizügigkeitsleistungen meist um hohe Geldbeträge handelt, wird das sogenannte 4-Augenprinzip angewendet, bevor eine Transaktion ausgelöst wird. Dies bindet zusätzliche Ressourcen.

Wo liegen nun die Vorteile der angedachten Plattform?

Thomas Schöb, Leiter Produktmanagement Kollektiv-Leben und Rechtsdienst

Die Plattform stellt das digitale Vorsorgedossier der Bevölkerung dar. Sie reduziert einerseits die Prozessschritte. Die alte und neue Pensionskasse werden direkt über sie ermittelt und sowohl die Überweisung bei der alten wie die Verarbeitung bei der neuen Pensionskasse können so vollständig automatisch erfolgen. Durch die automatische und technisch unterstützte Verarbeitung wird die Zusammenarbeit zwischen den Vorsorgeeinrichtungen stark erleichtert und ist deutlich weniger fehleranfällig. Bei 600 000 Erwerbstätigen, die im Durchschnitt pro Jahr einen Stellenwechsel vollziehen, wird das aktuelle System somit wesentlich entlastet. Die Plattform soll über die berufliche Vorsorge hinaus auch die anderen beiden Säulen einbinden. Dabei eröffnet sich die Möglichkeit der Wertschaffung für alle Vorsorgeversicherten in der Schweiz: Sie erhalten Zugang zu einer zentralisierten Übersicht über Vorsorgeleistungen, Zahlungen und Guthaben aller drei Säulen und damit zu einer unkomplizierten Verwaltung ihrer Vermögen und Vorsorgegelder.

Kommen wir zum Technischen: Sie sprechen von einer Open-Source-Plattform? Was bedeutet das genau?

Eine Software ist open-source, wenn deren Quelltext weltweit öffentlich und somit von Dritten eingesehen, genutzt und sogar geändert werden kann. Das mag aus Datenschutzsicht etwas kritisch klingen, ist es jedoch nicht, denn open-source ist nicht gleich Open Data. Öffentlich einsehbar ist lediglich der Quelltext; also der Text des Programmes der Plattform. Die Versichertendaten werden bei der Vorsorgeeinrichtung verschlüsselt und können nur vom richtigen Empfänger eingesehen werden. Der Datenschutz hat für uns bei einem solchen Projekt natürlich höchste Priorität und ist zu jeder Zeit gewährleistet.

Erwähnt sei an dieser Stelle noch, dass als Trägersystem auch eine Blockchain zum Einsatz kommen könnte. Wir haben letztes Jahr dafür bereits eine Pilotanwendung gebaut.

Wenn die Daten dennoch verschlüsselt sind, wo liegt dann der Sinn einer Open-Source-Plattform?

Wir sind bewusst «offen» vorgegangen, um das Vertrauen anderer Schweizer Vorsorgeeinrichtungen für diesen Ansatz der offenen Plattform zu gewinnen und so allfällige Partner auf uns aufmerksam zu machen. Interessierte können zudem Verbesserungen vorschlagen, was auch für uns aus Sicht der Weiterentwicklung des Projektes nutzbringend sein kann.

Wie weit sind wir noch von der Realisierung des Projektes entfernt?

Während eines sechswöchigen Workshops haben wir es bereits weit gebracht. Wir konnten ein sogenanntes Minimum Viable Product ("minimal überlebensfähiges Produkt") erstellen und am Ende des Workshops sogar eine lauffähige Plattform präsentieren, was eine unglaubliche Leistung ist in solch einer kurzen Zeit. Nun gilt es, die ganze Idee und Konzeption konkret aufzuzeigen, rechtliche Hürden, welche durchaus nicht unterschätzt werden dürfen, zu nehmen und vor allem interessierte Partner ins Boot zu holen.

Wie sind denn die Reaktionen aus der Branche? Gibt es bereits mögliche interessierte Partner?

Erfreulicherweise haben bereits mehrere andere Schweizer Versicherungsgesellschaften und Vorsorgeeinrichtungen den Kontakt gesucht und Interesse bekundet. Mit jedem Interessenten stehen wir im Dialog, holen dessen Erwartungshaltung ab und prüfen eine mögliche Kooperation. Wenn wir nun alle an einem Strang ziehen, hat die Vorsorgeplattform sicherlich das Potenzial, in unserer Branche ein Ausrufezeichen zu setzen und einen neuen, digitalen Standard einzuläuten.