Baloise Hagelflieger | «Wir haben bisher in der Saison 2020 elf Einsatzflüge durchgeführt»

Nicole Hess
23. Juli 2020
Sturm, Gewitter und Hagel: Vorgestern Nacht zeigte sich das Wetter in Teilen der Schweiz von seiner unfreundlichen Seite. Um gegen Hagelschäden vorzugehen, sorgt der Hagelflieger der Baloise seit 2018 dafür, dass Hagelniederschläge in der Schweiz minimiert werden. Frank Kasparek, Pilot des Baloise Hagelfliegers und Unternehmer (FK Aviation), erzählt im Interview, wie ein Einsatztag aussieht und wieso Hagelprävention wirksam ist.

Der Hagelflieger ist seit Mai wieder während der Hagelsaison in der Luft über der Deutschschweiz unterwegs – wieviele Einsätze hatten Sie bisher?

Die Hagelsaison 2020 gestaltet sich bisher aussergewöhnlich ruhig. Nach sehr schönem Wetter in März/April hatten wir zu Beginn unserer Saison im Mai/Juni -Zeitraum eher kühleres Wetter mit niedrigeren Temperaturen. Dadurch war die Gefahr für Gewitter mit Hagel bisher eher gering. Mit steigenden Temperaturen wird die Hagelgefahr nun deutlich größer, was man in den letzten Tagen auch schon beobachten konnte. Wir haben bisher in der Saison 2020 elf Einsatzflüge durchgeführt.

Wie sieht im Konkreten so ein Einsatztag aus? Wie wissen Sie, wann und wohin Sie fliegen müssen?

Frank Kasparek, Pilot des Baloise Hagelfliegers

Wir arbeiten sehr eng mit einem Wetterdienst zusammen, welcher von Ende April bis Mitte Oktober mehrere Meteorologen für uns bereitstellt. Diese beobachten permanent das Wetter und legen die Einsatzbereitschaft des Piloten und des Hagelfliegers fest. Jeden Morgen um 8:00 in der Früh erhalten wir einen ausführlichen Wetterbericht für das Schutzgebiet, in welchem der Meteorologe ausführt, was wettertechnisch so passieren wird und v.a. ob und ab welchem Zeitpunkt die Gefahr von Hagelbildung besteht und ab wann ein Pilot bereit sein muss. Daraufhin bereitet der Pilot das Flugzeug vor und nimmt nochmals Kontakt zum Meteorologen auf, um abzuklären, ob es vielleicht Veränderungen gab zur ursprünglichen Einschätzung. Der Meteorologe gibt dann den Startbefehl für die Piloten und gibt ihm vor, in welche Richtung er zu fliegen hat  Pilot und Meteorologe stehen bis zum Rest des Tages in ständigem Kontakt. Aus der Luft sieht der Pilot die zu beimpfenden Wolken sehr deutlich. Zusätzlich hat er auch ein Tablet an Bord mit dem er über eine Satellitenverbindung das Wettergeschehen über dem gesamten Schutzgebiet sehr genau verfolgen kann. Er fliegt die Wolke an, "kreuzt" unter der Wolke – sucht also den Aufwindbereich und kreist dann unter der Wolke und beginnt mit dem Impfprozess.

Wie erklären Sie Ihrem Umfeld, was sie beruflich machen – gerade bei Hagelprävention-Skeptikern?

Wir unterstützen mit unserer Tätigkeit den natürlichen Prozess der Eisbildung in einer Gewitterwolke. Wir bringen also zusätzlich zu den natürlichen Eiskeimen wie Schmutzpartikel, die sich in der Luft befinden, künstlich erzeugte Eiskeime in die Gewitterwolke ein. Wir tun dies sehr zielgerichtet indem wir mit unserem Flugzeug unter der Wolke im Aufwindbereich des Gewitters kreisen und die Wolke mit den künstlichen Eiskeimen sehr zielrichtet impfen. Diese gelangen dann zusammen mit den natürlichen Eiskeimen in die Wolke dorthin, wo der Hagel entsteht. Durch eine grössere Anzahl von Eiskeimen entsteht dann mehr kleinkörnigerer Hagel, der dann wieder leicht abschmelzen kann bis er am Boden ankommt.

Dieses Verfahren kommt auch international bei vielen vergleichbaren Projekten zur Anwendung. Es gibt Studien aus einer künstlichen Umgebung (Klimakammer) die belegen, dass unser Anwendungsprinzip funktioniert. Es gibt keine einzige Studie, die das Gegenteil belegt und einen Nachweis erbringt, dass Hagelprävention so wie wir sie betreiben nicht funktioniert.

Wir sehen durch unsere Tätigkeit immer wieder, dass sich Gewitter bei unseren Einsätzen schnell abschwächen oder sich auch erst gar nicht so stark entwickeln.

Frank Kasparek, Pilot des Baloise Hagelfliegers und Unternehmer (FK Aviation)

Worauf fusst Ihre Überzeugung, dass Hagelprävention wirksam ist?

Die Schweiz hat in den 80er Jahren ja die bekannten Grossversuche unternommen, und war damals schon relativ weit in der Hagelbekämpfung. Das Thema hat man dann aber wieder etwas aus den Augen verloren, da die Grossversuche aus wissenschaftlicher Sicht nicht erfolgreich waren. Jedoch wurden die Erkenntnisse der Grossversuche international  zum Anlass genommen, die Methoden zu überarbeiten und einen anderen Ansatz zu fahren. Hagelabwehr mittels Raketen wird global gesehen nur noch sehr selten betrieben, aber diese war ursächlich für die Entwicklung der Ansätze, die wir heute kennen.

Die Schweiz hat nun aber auch den Vorteil, dass wir in Süddeutschland schon einige Erfahrungen gesammelt haben mit Wolkenimpfung mittels Flugzeugen. Ausserdem habe ich ein kleines Team an Wissenschaftler, das für mich arbeitet und sich bereits seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema Impfmaterial beschäftigt. Deren Erkenntnisse fliessen auch in unsere Produkte ein, die wir zur Anwendung bringen, wovon auch die Schweiz profitiert. Die ETH ist nun dabei, als unabhängiges Institut unsere Einsatzflüge hinsichtlich der Wirksamkeit mittels einer Studie zu beleuchten und zu untersuchen. Wir sehen durch unsere Tätigkeit immer wieder, dass sich Gewitter bei unseren Einsätzen schnell abschwächen oder sich auch erst gar nicht so stark entwickeln.