Mobilität neu denken in Zeiten von Corona #1

Anna Sigrist
8. April 2020
Digitalisierung, Innovation
Wie (er)leben wir Mobilität in Zukunft vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Krise? Anna Sigrist, Innovation Managerin bei der Baloise, erklärt im neusten Beitrag unseres Innovation-Blogs, warum Mobilität neu gedacht werden muss.

Pendlerstrecke Zürich – Basel, irgendein Mittwoch

Pendlerstrecke Zürich – Basel, irgendein Mittwochmorgen im vergangenen Jahr. Der 7:02 Zug ist bereits sehr voll. Ich suche mir meinen üblichen Platz. Im Abteil sitzt wie jeden Morgen der sympathische ältere Herr. Wie jeden Morgen nicken wir uns kurz zu, dann vertieft sich jeder in seine Pendlerbeschäftigung. Er mit den Kopfhörern auf den Ohren, ich am Laptop. Bei der Ankunft verabschieden wir uns kurz, wünschen uns einen guten Tag und jeder geht seinen Weg.

Pendlerstrecke Zürich Basel, vergangenen Mittwoch

Im 7:02 Zug nach Basel sind nur wenige Leute anzutreffen. Ich suche mir meinen üblichen Platz. Das Abteil ist leer. Die Stimmung auf eine gedämpfte Art ruhig - wie an einem Wintertag, an dem sehr viel Schnee gefallen ist. Bis zur Ankunft in Basel habe ich Zeit nachzudenken. Darüber, wie selbstverständlich diese Fahrt für mich immer war - als Bestandteil meines Alltags – wie der Kaffee am Morgen oder das Lichtausschalten vor dem Einschlafen. Etwas, das man jeden Tag tut, ohne sich gross Gedanken darüber zu machen. Dieses Selbstverständliche ist weg. Wann werde ich das nächste Mal nach Basel fahren?

Stark entschleunigt

Für viele von uns hat sich die (physische) Mobilität zuletzt drastisch reduziert. Wir arbeiten von zu Hause, besuchen keine Fitnesscenter oder überhaupt jemanden, private Reisepläne sind gestrichen. Eingeschränkt in unserer Bewegungsfreiheit bekommen wir Gelegenheit, über unsere sonst als so selbstverständlich angenommene Mobilität nachzudenken.

Was hat sich verändert?

Ich pendle nicht mehr. Ich bleibe im Home Office. Als Baloise Innovationmanagerin im Group Strategy & Digital Transformation Team war ich oft an Workshops oder Events in Deutschland, Luxemburg oder Belgien. Diese Reisen fallen jetzt weg. Allein der Gedanke, aktuell in ein Flugzeug zu steigen, erscheint mir absurd. Neu sind hingegen ein Spaziergang über den Mittag oder eine Joggingrunde am Morgen. Physische Kontakte mit Menschen fallen aus, dafür spüre ich ein grösseres Bedürfnis, mich mit Kolleginnen, Freunden und meiner Familie auszutauschen. Der Zusammenhalt im nahen Umfeld wird stärker. Allerdings: Soziale Kontakte in dieser Ausnahmesituation zu pflegen, erfordert Kreativität, erzwingt sie fast: Yoga-Stunden per Livestream, Familientreffen in Skype, Feierabendbier per Telefon.

Portrait Anna Sigrist

«Digitale Lösungen, virtuelle Räume, all das macht es unnötiger, sich für den Job von A nach B zu bewegen.»

Anna Sigrist, Innovation Manager

Auch im Job müssen wir kreativ werden

Wir testen Online-Tools beim Arbeiten, sind gemeinsam am Experimentieren, Brainstorming in der Gruppe geht auch virtuell. Viele Tools kannte ich bereits vor Corona, aber ihren wahren Wert zeigen sie mir jetzt. Sitzungen sind natürlich anders, wenn man sich nicht mehr gegenüber sitzt, sondern Bildschirme teilt, aber ich entdecke, inwieweit Technologie am Arbeitsplatz das echte Miteinander kompensieren kann. Das alles führt mich final zu der Frage: Wie viel und welche Mobilität ist wirklich nötig?

Wie (er) leben wir Mobilität in Zukunft?

Die Zukunft der Mobilität beschäftigt mich nicht nur aufgrund der aktuellen Situation, sondern auch in meiner Rolle als Innovationsmanagerin. Wie werden wir uns in Zukunft bewegen und welche Rolle können wir als Unternehmen in dieser Mobilitätslandschaft spielen? Im Mobility @ Baloise Projekt haben wir in den vergangenen Monaten genau solche Fragen diskutiert. Als wir zuletzt unsere Trendstudie erarbeiteten, scherzten wir noch darüber, ob es Mobilität im beruflichen Kontext in Zukunft überhaupt noch geben wird. Digitale Lösungen, virtuelle Räume, all das macht es unnötiger, sich für den Job von A nach B zu bewegen. Und nun ist genau das Realität und ich bin mir sicher, dass hier auf lange Sicht eine grosse Veränderung angestossen wurde. Sind wir demnächst vor allem privat unterwegs? Und wie bewegen wir uns zukünftig fort? Unser Umweltbewusstsein wächst stark und zusätzlich beeinflussen die jüngsten Erfahrungen mit Corona unsere Bereitschaft, mit vielen anderen in öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Prognosen dazu sind schwierig, aber es eröffnen sich gerade Chancen für ganz neue Überlegungen und Lösungen.

Die Zukunft scheint ungewisser als zuvor

Ein paar Anhaltspunkte, wie sich Mobilität verändern könnte, gibt uns die Entwicklung in China nach Corona. Dort zeigt sich, dass individuelle Mobilität stark zugenommen hat. Die Nähe zu anderen wird dort aktuell tatsächlich stärker gemieden. Services wie UBER, bei denen man bei fremden Personen mitfährt, haben es deshalb derzeit schwer. Viel beliebter weil gesundheitlich unbedenklicher sind derzeit Autovermietungen, deren Fahrzeuge jeder selbst lenken kann. Der öffentliche Nahverkehr verliert Nutzer, man steigt lieber aufs Fahrrad. Auch die Bike und e-Scooter Sharing-Dienste erleben einen Boom. Alles Themen die auch unserer Mobility @ Baloise Team stark beschäftigen: immer mit Blick auf den Klimawandel, der – zugegeben – derzeit stark aus unserer Aufmerksamkeit verschwunden ist.

Bewusster leben, Mobilität neu denken

Ob es grundlegende Veränderungen in unserem Mobilitätsverhalten geben wird oder wir zu alten Mustern zurückkehren, kann aktuell niemand beurteilen. Ich aber bin mir sicher: Meine nächste Zugfahrt von Zürich nach Basel werde ich sehr bewusst erleben, mich bewusst über zwischenmenschliche Kontakte freuen, bewusst diesem netten alten Mann zunicken und bewusst das Gespräch mit ihm suchen.

Mobilität neu denken #2

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