"Unsere Kultur ist Wettbewerbsvorteil!"

Roberto Brunazzi
30. Juni 2020
C-Level Insights
Thomas Sieber, Leiter Konzernbereich Corporate Center verlässt nach 23 Jahren die Baloise Group. In diesem Blogbeitrag schaut er zurück auf über zwei Dekaden Baloise, die High- und Lowlights und auf was er sich nach seinem "Baloise Leben" besonders freut.

Thomas, Du warst 23 Jahre bei der Baloise, davon 13 Jahre in der Konzernleitung. Kannst Du Dich noch an Deinen ersten Arbeitstag erinnern?

Bestens! Und zwar an zwei Ereignisse, die ich auch heute noch stark mit dem Wesen der Baloise in Verbindung bringe. Ich bin mit 32 als Stellvertreter von Recht und Steuern zur Baloise gestossen. Ich kam damals von einem global tätigen Technologiekonzern. Und als ich in mein Büro geführt wurde, fand ich dort keinen Computer und keinen Laptop vor. Auf meine scheue Frage hin, ob ich keinen zur Verfügung hätte, hat man mir beschieden, dass ich dies mit meinem Chef aufnehmen müsse. Nach zwei Wochen hatte ich dann einen. Dieses Erlebnis zeigt auf, wie stark sich die Baloise in den letzten beiden Jahrzehnten in puncto Technologie verändert hat. Damals noch analog, heute als Schweizer Versicherungsgesellschaft an der Spitze in Bezug auf die digitale Transformation.

Und das zweite Ereignis?

Das zweite Ereignis sehe ich stellvertretend für die Kultur und den Kulturwandel bei der Baloise. Die neue Abteilung hat ihren Abteilungsausflug extra auf meinen ersten Arbeitstag gelegt, was ich als sehr schönes Zeichen empfand. Es war ein ausserordentlich gelungener Anlass, der mit viel Liebe von einem Mitarbeiter vorbereitet wurde, der noch heute bei der Baloise ist. Beim Apero hatte ich dann einer Sekretärin vorgeschlagen, dass ich der «Thomas» sei. Das wollte sie dann allerdings nicht, was mein zweites «Aha»-Erlebnis war. Wir hatten danach über Jahre und auch die Baloise-Zeit hinaus einen sehr guten Kontakt, nach einer gewissen Zeit sogar "per Du" (lacht). Hier zeigt sich, was die Baloise einzigartig macht: Eine Kultur, die sehr familiär ist und sich durch Respekt und Vertrautheit auszeichnet. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass diese Baloise-Kultur Alleinstellungsmerkmal und somit auch Wettbewerbsvorteil ist.

Was war Dein prägendstes Erlebnis in dieser Zeit?

So sehr ich ein Angsthase sein kann gegenüber Tieren (Hunde, Spinnen), so mutig bin ich gegenüber Menschen. Mein vielleicht schönstes Einzelerlebnis ist schon eine Weile her. Wir haben uns gegenüber einer jüdischen Familie zu Beginn des 2. Weltkrieges schlecht verhalten. Davon erfahren haben wir wenige Stunden vor der Publikation des Bergier-Berichtes. Ich war der festen Überzeugung, dass wir versuchen sollten, uns bei der Familie zu entschuldigen. Unsere amerikanischen Anwälte hielten dies aus rechtlichen Gründen für sehr gefährlich und haben davon abgeraten. Ich habe am späten Abend mit unserem ehemaligen Präsidenten gesprochen und der meinte; wenn es meiner Überzeugung entspräche, dann soll ich es versuchen. Ich konnte mit dem Sohn, der als Jugendlicher die Flucht nach New York via Amsterdam erlebte, telefonieren und habe mich im Namen der Gesellschaft entschuldigt. Der fast 80 Jahre alte Sohn war sofort im Thema und nach einem frostigen Start war es der Beginn einer Freundschaft. Er und seine Frau haben uns zweimal in der Schweiz besucht und ich war auch bei ihnen zu Hause in New York.

Es sind solche Ereignisse, die prägen und die mich persönlich bestätigen, den Mut zu haben, das Richtige zu tun. Aber es gilt auch hier eine Balance zu finden; nur auf die innere Stimme zu hören, kann auch gefährlich sein. Ich hoffe, dass ich mit genügend Selbstreflektion unterwegs bin; ansonsten wäre meine neue berufliche Ausrichtung nicht das Richtige.

Gab es auch Enttäuschungen?

Thomas Sieber, Leiter des Konzernbereichs Corporate Center

Wenn man mit Leidenschaft dabei ist, dann muss es auch Enttäuschungen geben. Es gab immer wieder Projekte, wo ich viel Energie und Herzblut eingebracht habe und die dann aus unterschiedlichsten Gründen gescheitert sind. Das führt dann zu Enttäuschungen, aber davon muss man sich auch wieder erholen. Es ist wichtig zu sagen, wir haben es versucht, was können wir lernen, um es das nächste Mal besser zu machen.

Bleibt Dir ein Kollege/eine Kollegin besonders in Erinnerung?

Viele! Aber wenn ich einen herausstreichen muss, dann ist es unser Ehrenpräsident, Rolf Schäuble. Er war über viele Jahre auch mein Chef. Grundsätzlich ist er eine dominante Führungsperson, der die Versicherungsbranche von der Pike her kennt. Er hat von mir aber Dinge angenommen, auch Kritik. Später hat er mir einmal gesagt, dass ich der einzige war, der ihn von unten nach oben versucht hätte, zu coachen. Heute sind wir hier auch als Firma weiter, aber es ist noch nicht die Regel, sprich wir haben noch brach liegendes Lernpotential.

Wie hat sich die Baloise und die Versicherungsindustrie in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?

Die Dynamik in der Wirtschaft insgesamt ist gross und die Versicherungsindustrie hat enorm aufgeholt. Gerade auch die Baloise ist innovativer und mutiger geworden. Im Vergleich zu anderen Branchen ist die Erst-Versicherungsbranche noch immer stark nach Ländern und nicht Geschäftsfelder organisiert. Ich bin gespannt wie sich die Industrie diesbezüglich entwickeln wird.

Was siehst Du als Deinen grössten Beitrag zum Erfolg der Baloise?

Ich danke Thomas von Herzen für ein fast Vierteljahrhundert bei der Baloise, in dem er immer das Beste von sich gegeben hat. Ehrlichkeit, Vertrauen und Feedbackkultur sind die Grundpfeiler seiner Wertewelt, die er lebt und die ich vermissen werde. Er fungierte in den Führungsgremien nicht nur als gutes Gewissen der Baloise. ...

Gert De Winter, CEO Baloise Group

Ich habe viele Grossprojekte geführt (z.B. die Entflechtung unserer Deutschlandeinheiten) oder Friday in die Wege geleitet. Und dennoch hoffe ich, dass mein grösster Beitrag in der kulturellen Dimension lag. Gert zitiert oft Peter Drucker: "Culture eats strategy for breakfast". Der Baloise zu helfen, zu einer lernenden Unternehmung zu werden, mit einem hohen Werteanspruch, wo kritische Dinge ebenso angesprochen werden wie positive – das war meine Ambition als Brückenbauer zwischen den Anspruchsgruppen. In der letzten Pulsumfrage haben 90% der Mitarbeitenden uns als Arbeitgeberin weiterempfohlen. Hiermit gehören wir im Vergleichssample zu den Bestplatzierten, was ein schönes Abschiedsgeschenk ist.

Was würdest Du rückblickend anders machen?

Nicht so viel; ich hatte eine tolle Zeit bei der Baloise. Was ich am Ehesten vermisst habe, ist eine globalere Ausrichtung. Jüngeren Mitarbeitenden empfehle ich, öfters zu wechseln – auch wenn es nur innerhalb der Firma ist. Auch ins Kerngeschäft zu gehen, da war ich kein Vorbild. Die klassische Linienführung wird in meinen Augen jedoch überschätzt; laterales Führen ist anspruchsvoller.

Welche Pläne hast Du kurz- bis langfristig?

Wenn es Corona zulässt, geht die ganze Familie für ein Jahr nach Boston. Wir konnten letzten Sommer schon ein Haus mieten, mit grosser "Frontporch". Das hat auch der Familie gut getan, da es unsere Pläne konkreter gemacht hat. Ich habe an der Harvard Business School ein «research proposal» eingereicht zum Thema «der Verwaltungsrat als Team» und habe vor wenigen Tagen die Mitteilung bekommen, dass ich als Research Fellow zugelassen wurde. Ich möchte mich diesem Thema widmen, Abstand gewinnen und meine neue Freiheit geniessen. Zudem werde ich mich auf meine  Coachingtätigkeit – mit meiner zukünftigen Firma SieberBoardCoach AG - vorbereiten.

Auf was freust Du Dich nun besonders, jetzt wo Du Dir Deinen Alltag stärker selber einteilen kannst?

Mehr Autonomie und Freiheit – weniger getrieben zu sein, aber bei mir muss auch "etwas gehen". Ich werde schon aktiv bleiben (lacht).

Zur Person

Thomas Sieber (1965, CH, Dr. iur., M. B.L., Rechtsanwalt, Mediator SKWM, EMC INSEAD) studierte an der Universität St. Gallen Rechtswissenschaften. Anfang 1994 erwarb er das Rechtsanwaltspatent des Kantons Zürich. Von 1999 bis 2002 wirkte er als Lehrbeauftragter für Gesellschaftsrecht an der Universität St. Gallen. Nach Stationen bei Lenz & Staehelin, Landis & Gyr und Siemens kam Dr. Thomas Sieber 1997 zur Baloise Group als stellvertretender Leiter des Bereichs Recht und Steuern. Ab 2001 leitete er diesen Bereich und war zusätzlich bis April 2012 Sekretär des Verwaltungsrats der Bâloise Holding. Dr. Thomas Sieber ist seit Dezember 2007 Mitglied der Konzernleitung und als Leiter des Konzernbereichs Corporate Center verantwortlich für die Bereiche Group Strategy and Digital Transformation, M & A, Group Human Resources, Recht und Steuern, Group Compliance, Run-off und Einkauf Konzern. Er wird die Baloise Mitte 2020 verlassen. Dr. Thomas Sieber gehört dem Panel of Experts der SWIPRA Services AG an.

Thomas Sieber wird sich nach einem Forschungsjahr in Harvard als Board Coach mit seiner Firma "SieberBoardCoach AG" selbständig machen. Im Rahmen des Executive Masters «Coaching and Consulting for Change» am INSEAD hat er seine Thesis zum Thema «Improving Board Dynamics and Open Dialogue – How Speaking Up Could Transform Corporate Boards” geschrieben.