Mit oder ohne Krawatte?

Carsten Stolz
16. April 2019
Gedanken zum Spannungsfeld zwischen sozialer Multioptionalität und Vereinfachungssehnsucht.

Requiem für die Krawatte

Die nachfolgenden Zeilen könnten ein Requiem für die Krawatte werden. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls begann es so:

Vier Mitarbeitende einer Firma sind unabhängig voneinander im Zug unterwegs zu einem Termin mit einem langjährigen Geschäftspartner. Da kommt ein Mail von eben diesem Geschäftspartner:

„Sehr geehrte Kunden, vor langer Zeit haben wir den heutigen Termin fixiert und uns auf die umfangreiche Agenda geeinigt. Unsere Teams haben die Themen vorbereitet, so dass wir heute Vormittag ein wertvolles Gespräch führen können. Eine wichtige Klärung möchten wir unsererseits vorgängig noch herbeiführen, damit wir auch diesbezüglich auf Augenhöhe sind: Kommen Sie mit oder ohne Krawatte? Selbstverständlich sind wir diesbezüglich vollkommen offen.“

Dreissig Sekunden vergehen. Die erste Antwort:

„Sehr geehrter Geschäftspartner, diese Frage stellte ich mir ebenfalls. Ich bin grundsätzlich ohne Krawatte. In weiser Voraussicht habe ich heute Morgen aber eine Krawatte mitgenommen und kann mich gerne anpassen. Just let me know!“

Zwanzig Sekunden vergehen. Zweite Antwort:

„Liebe alle! Ich bin mit Krawatte unterwegs. Selbstverständlich kann ich sie jederzeit rasch abziehen, wenn wir uns darauf einigen.“

Fünfzehn Sekunden später. Dritte Antwort:

„Liebe Kollegen, lieber Geschäftspartner, ich bin ebenfalls mit Krawatte unterwegs. Allerdings weiss ich, dass der Chef ohne Krawatte auf dem Weg zum Termin ist. MIT freundlichem Gruss!“

Fünf Minuten vergehen. Weitere fünf Minuten vergehen. Dann meldet sich der Initiant des Mail-Austausches – endlich – mit der Lösung:

„Liebe Kunden, liebe Kollegen, besten Dank für den wertvollen Austausch und Ihre unverzüglichen Reaktionen. Es freut mich sehr, dass wir dies vorgängig adressieren konnten. In Anbetracht der vielfältigen individuellen Situationen schlage ich vor, dass jeder so kommt wie er gerne möchte. Selbstverständlich steht es jedem offen, seine Garderobe auf dem Weg zu unserem Termin noch anzupassen. Jeder ist herzlich willkommen – mit oder ohne Krawatte. Bis nachher. Bester Gruss.“

Ich höre die inneren Stimmen des Lesers: „Das ist nicht passiert, sondern reine Fiktion!“ Zugegeben, es ist überzeichnet. Aber nur ein wenig. Die Sprache ist etwas ausgeschmückter. Ansonsten hat es sich genau so zugetragen. Ich weiss, von was ich spreche: einer der vier Mitarbeitenden im Zug war ich.

Damit wir diesen Teil des Blogs beenden können: Wie ging die Geschichte aus? Wir trafen uns dann zum Termin. Viermal mit Krawatte, zweimal ohne. Oder: Viermal „mit mit“, zweimal „mit ohne“. Eine elegant gekleidete Dame nahm auch an der Besprechung teil. Ehrlich gesagt weiss ich gerade nicht, wie ich diesen Aspekt hier inkludieren kann. Können wir diese Beobachtung für den Moment ohne Lösung offenlassen? Ich komme darauf zurück. Versprochen.

Soziale Multioptionalität

Zurück zu obiger, realen und etwas satirisch dargestellten Situation. Und damit zur induktiven Frage: Könnte etwas Allgemeineres hinter dieser spezifischen Anekdote stecken?

Die moderne Welt (okay, eine dieser inhaltsleeren Phrasen) hat uns zunächst eine multioptionale Welt der Dinge beschert. Beim Konsum ersäuft man heute jämmerlich im Ozean der Möglichkeiten, wenn man nicht eine sehr auftriebsstarke Schwimmweste trägt mit den klaren, eigenen Vorstellungen, was man will oder braucht und was nicht. Wer ein Auto kauft, kann davon ein Lied singen. Oder einen Kinderwagen. Oder eine Reise bucht. Oder wer hungrig die 35-seitige Speisekarte in der Pizzeria oder beim Chinesen um die Ecke liest. Oder, oder, oder. Die Digitalisierung ist wie ein Sturmtief über Island: Weil sie die Transaktionskosten massiv senkt und alles mit allem  ernetzt, wird der Ozean der Möglichkeiten immer stürmischer (Kennen Sie den: „Kunden, die diesen Artikel kauften, haben auch diese fünf Artikel erworben. Hier geht es weiter zum Kauf mit nur einem Klick!“). Die Schwimmweste der klaren eigenen Vorstellungen braucht in der multioptionalen Welt der Dinge immer mehr Auftrieb.

Nun, die obige Krawatten-Anekdote hat nichts mit der multioptionalen Welt der Dinge zu tun. Sie ist vielmehr ein Beispiel für die – meine Beobachtung – rasant an Fahrt gewinnende soziale Multioptionalität. Der Rahmen an Regeln und Konventionen war früher viel enger. Wenn man nicht mehr weiterwusste, war Knigge ein Referenzpunkt. Auch für die Kleidung – einschliesslich der Krawatte – hat früher ein engerer Rahmen vereinheitlicht (Beurteilung: sehr schlecht!) und vereinfacht (Beurteilung: sehr gut!). Heute gilt bald überall: „Same, same, but different!“ (Slogan auf den T-Shirts der Bedienungen in einer asiatischen Franchise- Restaurant-Kette mit einer schier unendlichen Speisenauswahl).

An dieser Stelle nimmt der Blog eine –vielleicht verblüffende – Wende: Barack Obama kommt ins Spiel. Es wird gesagt, dass Barack Obama in seiner Rolle als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika unter anderem bei Kleidung und Essen unnötige Entscheidungen radikal eliminierte. „Ich will keine Entscheidungen treffen darüber, was ich esse oder anziehe. Weil ich zu viele andere Entscheidungen zu treffen habe. Man muss seine Energie für Entscheidungen fokussieren. Man kann nicht abgelenkt von Trivialitäten durch den Tag gehen.“ Die Vereinfachungssehnsucht von Barack Obama diente dem Zweck, möglichst viel Kraft für relevante und komplexe politische Entscheidungen zu sparen.

Ich will keine Entscheidungen treffen darüber, was ich esse oder anziehe. Weil ich zu viele andere Entscheidungen zu treffen habe. Man muss seine Energie für Entscheidungen fokussieren. Man kann nicht abgelenkt von Trivialitäten durch den Tag gehen.

In der Psychologie (wer selbst Nachlesen will, dem sei Roy Baumeisters „Die Macht der Disziplin“ wärmstens empfohlen) ist bewiesen, dass Menschen pro Tag nur ein gewisses Kontingent an Aufmerksamkeit und an emotionaler Kraft für Entscheidungen haben. Wenn das Konto aufgebraucht ist, fehlt uns ganz einfach die Stärke, bei komplexen Entscheiden angemessene Entscheidungsprozesse zu durchlaufen. Etwas plakativ: wenn wir unsere begrenzte Kraft vergeuden mit Fragen wie: „Mit mit oder mit ohne Krawatte?“ dann geht das auch bei uns (und nicht nur bei Barack Obama) zu Lasten unserer Kraft für komplexere Fragen im beruflichen und privaten Leben.

Wenn wir dies für einen Moment einmal gelten lassen und uns innerlich fragen „okay, wenn das so ist, was ist dann die Konsequenz?“, dann kommen wir in ein Spannungsfeld. Die soziale Multioptionalität explodiert (bald einmal gegen hundert Geschlechtsbezeichnungen bei Facebook und die Detailliertheit der Fragebögen bei Partnervermittlungen sind Evidenzbeispiele hierfür). Ein Gegenpol ist die ebenfalls explodierende Vereinfachungssehnsucht, weil unser tägliches Aufmerksamkeits- und Entscheidungskonto ein Limit hat ohne Überziehungskredit (prall gefüllte Bücherregale mit Vereinfachungsratgebern in x-ter Auflage (nennt man neudeutsch „Longseller“ und ist ökonomisch gut für Verlage und Autoren) und die Minimalismus-Welle sind Evidenzbeispiele hierfür). Übrigens, wer etwas näher an den Ursprung dieser Gedanken will, kann die Lektüre von Henry David Thoreaus „Walden: oder Leben in den Wäldern“ erwägen; das ist nicht ganz so weit zurück wie die griechischen Philosophen, die Einfachheit (also das „mit ohne“) auch schon als Glückselixier identifizierten).

Oh, Entschuldigung, mein Telefon klingelt gerade (ja, auch die folgende Begebenheit ist echt und verbal etwas ausgeschmückt).

Beim dritten Klingeln nehme ich das Telefon ab. Am anderen Ende der Leitung ist ein geschätzter Geschäftspartner, der mich zu einem Anlass einladen will: „Gerne würde ich Sie...“ Er stockt und ringt nach Worten. Durch das Telefon höre ich, wie er grübelt. Früher sagte er einfach: „Gerne würde ich Sie und Ihre Gattin einladen.“ Vor Kurzem hat er einen Kurs über sozial-integratives Denken und inklusiven Sprachgebrauch in seiner Firma absolviert. Die Kursteilnahme war Pflicht. Jetzt ist er verunsichert und sucht die richtigen Worte. Er findet aus dem Dilemma heraus. Nach längerer Stille beendet er den Satz: „Gerne würde ich Sie .... in allfälliger Begleitung einladen.“ Das Substantiv „Begleitung“ ist vollkommen neutral und lässt daher auch vollkommen inklusiv. Das Adjektiv „allfällig“ ist besonders wichtig, weil es verbal hinsichtlich Menge und Zeit den Optionenraum (bis zum Datum der Einladung kann ja noch so viel passieren!) maximal öffnet. Damit ist entsprechend dem Zeitgeist sozial integrativ und inklusiv wieder alles möglich: Allein, zu zweit, zu mehreren und in allen Facetten, die Facebook so anbietet. Etwas einfacher: Mit mit oder mit ohne.

Sehnsucht nach Vereinfachung

Die Natur mag kein Vakuum. Soziale Konventionen vielleicht auch nicht. Es ist ja schon erstaunlich, dass mit dem Bedeutungsverlust der Krawatte praktisch zeitgleich das Einstecktuch am maskulinen Anzug starken Aufwind erhielt (auch ich habe mir neulich Einstecktücher gekauft). Oder ist das nur eine Korrelation, aber keine Kausalität? Egal.


Kennen Sie die Redensart von den Totgesagten, die sprichwörtlich länger leben? Wenn dem so wäre, dann wären diese Zeilen kein Requiem für die Krawatte. Vielleicht gibt es ja in der Zukunft eine friedliche Koexistenz zwischen Krawatte, Einstecktuch und offenem Hemdkragen. Was jedoch (noch?) nicht verhandelbar erscheint: das Hemd wird in die Hose gesteckt. Bei Anzug oder bei Jeans. Auch hier gilt: Mit mit Anzug oder mit ohne Anzug. Oder: Mit mit Jeans oder mit ohne Jeans. Es gibt beide Optionen.

Im Hier und Jetzt jedenfalls spüre ich das Spannungsfeld zwischen sozialer Multioptionalität und Vereinfachungssehnsucht. Wer vereinfacht, der verkürzt. Zwangsläufig. Die immer stärkere Erwartung, soziale Multioptionalität wahrzunehmen, zu akzeptieren und vorzuleben verlagert Komplexität in die individuelle Haltung und das akzeptierte Verhalten. Und das braucht Geld aus dem täglich limitierten Aufmerksamkeits- und Entscheidungskraftkonto. Es gibt hier kein richtig oder falsch. Ich lehne mich an Henry David Thoreau an, dessen Lebensideal eine Perlenkette von möglichst bewussten und freien Entscheidungen war. Und ich möchte nicht eingeengt werden durch moderne Sozialkonventionen, die Freiheiten in einer Absolutheit einfordern, welche paradoxerweise genauso begrenzend sind, wie die strengen Vorgaben im alten Knigge.

Vielleicht bilden Akzeptanz und Toleranz ohne Anspruch auf Wahrheit stabile Brücken. Und vielleicht ist die daraus abgeleitete Freiheit der bewussten eigenen Entscheidung auch im immer stürmischeren Ozean der sozialen Multioptionalität eine tragfähige Schwimmweste. Erinnern Sie sich noch an die elegant gekleidete Dame in der Sozial-Anekdote am Anfang dieses Blogs? Ich versprach ja, noch einmal auf Sie zurückzukommen. Manchmal muss man ja vielleicht auch gar nichts besonders sozial-integrativ denken oder speziell inklusiv verbalisieren. Ich jedenfalls bemühe mich manchmal, es einfach so sein zu lassen, wie es ist.

Manchmal MIT und manchmal OHNE, aber stets mit herzlichem Gruss,

Carsten Stolz