Zurück in die Zukunft | Adrian war schon dort

Corinna Fröschke
24. Mai 2019
Entwicklung, Berufserfahrene, Digitalisierung
Wer sich mit Adrian Honegger (49) in ein Interview begibt, darf eine Flut an Gedanken erwarten – an Forderungen an die Welt, an Erkenntnissen aus einem gewachsenen Berufsleben in der Wissenschaft und Industrie. Adrian ist der Kopf unseres Group Strategy & Digital Transformation Teams: studierter Physiker, Mathematiker, Biologe, Informatiker. Dieser Mann antizipiert Zukunft wie kein Zweiter bei uns im Haus. Er sieht die Chancen und Risiken, und er wird nicht müde, sie zu propagieren.

Zwischen Forschung und Wirtschaft

Studiert hat Adrian an der Uni Basel. Danach ging er für seinen Master in Strahlenbiologie nach London, für seinen Doktor in Kernphysik nach Norfolk in die USA und als Postdoktorand in biomedizinischer Physik nach Stockholm. Allein darüber liessen sich wohl Bücher schreiben. In Schweden war Adrian der erste Mitarbeiter eines Biotech Startups, das nach zwei Jahren bankrott ging. Mit Anfang 30 kam er zurück nach Basel, als COO eines grösseren Bioinformatik-Startups. Im Anschluss ging's wieder in die Forschung – diesmal als Direktor in Systembiologie an der ETH Zürich. Als dann, mit Ende 30, bereits mehrere seiner Physiker-Kollegen bei der Baloise gelandet waren, entschied er sich für denselben Schritt und wurde Projektleiter.

"Keine Ahnung von der Corporate-Welt"

"Das war eine spannende Zeit damals", erzählt Adrian. "Ich musste die Unternehmenswelt erst einmal verstehen. Was wird wie umgesetzt? Damals habe ich viel gelernt und mich entsprechend weiterentwickelt." Im Wesentlichen beschäftigte sich Adrian mit der Re-Organisation des Konzernbereiches Schweiz, stand in engen Absprachen mit dem damaligen CEO, brachte dessen Ideen zu Papier und in die Initialisierung. In der Folge wurde der junge Wissenschaftler in die Baloise IT versetzt – aus gutem Grund.

"Agilität hat mich bereits in der Bio-Informatik beschäftigt, das war 2002. Damals war ich noch einer der ersten Scrum Master in Europa. Als wir dann 2010 in der Baloise agile Prinzipien einführten, waren wir zwar in der Branche weltweit Pioniere, aber für mich persönlich war es ein alter Hut."

Stagnation Zukunft

Man muss sich Adrians Werdegang als permanentes Erleben einer Zukunft vorstellen, die uns Otto-Normal-Mitarbeitende erst Jahre später erreicht. Er erzählt seine Geschichte mit reichlich Ungeduld. Nachvollziehbar ist das. Schliesslich dauert Zukunft für ihn gefühlt doppelt und dreifach so lang wie für uns andere. Er hat Veränderung bereits erlebt als wir noch nicht einmal daran dachten, für ihn ist die Digitalisierung seit 50 Jahren Realität. Er hat sich längst auf sie eingestellt während wir überrollt wurden. Er hat seine Erfahrungen gemacht, und er predigt diese, während wir uns noch verwehren. Er ist uns Jahre voraus, die wir nur schwer aufholen können. Erst über das eigene Erleben der Zukunft können wir – viel zu langsam - so etwas wie Anschluss herstellen.

Grafik, ein Mann schaut von einem Bücherstapel ins Fernrohr

Lernende Organisation

"Als wir die IT Schweiz der Baloise auf agile Methoden umgestellt haben, war das eine riesen Herausforderung. Fachbereich und IT haben einander teils nicht verstanden, Kommunikation in dem Sinne gab es nicht. Beide Seiten mussten eine gemeinsame Sprache lernen, um die notwendige Zusammenarbeit überhaupt zu ermöglichen." Das bedingt natürlich ein Setup, in dem Menschen bereit sind zu lernen. Man muss sie für die neue Arbeitswelt befähigen. Agilität bedeutet Flexibilität, Weiterentwicklung und hohe Ambitionen. "Es gibt Teams, die behaupten sie seien agil. Allerdings kennen sie Agilität nur wenig, beherrschen sie nicht wirklich. Letztlich gibt der Kunde das Mass vor, wir als Versicherer und Bank haben die entsprechende Leistung zu erbringen. Je agiler die Organisation, desto höher die Anforderungen an die Teams", gibt Adrian zu bedenken.

"Es ist wie beim Fussball: Die Spieltaktiken defensiv wie offensiv sind dynamisch und variantenreich. So kann sich ein Team auf jedes Szenario einstellen. Das bedingt den Willen, gewinnen und sich verbessern zu wollen."

Ein Schreckgespenst namens Digitalisierung, das keines ist?

Kurz gesagt betrifft Digitalisierung all das, was automatisiert werden kann. Das macht vielen Menschen Angst. Es nimmt Jobs. "In der ersten Emotion ist das nachvollziehbar", sagt Adrian. "Der Mensch neigt zur Trägheit, fühlt sich wohl in dem ihm Bekannten. Allerdings – wenn wir ehrlich und offen sind – schafft die Digitalisierung Freiräume. Sie übernimmt Routinearbeiten und schenkt uns die Chance, Mehrwert zu generieren im Sinne unserer Kunden. Wir dürfen nachdenken, Ideen spinnen, sie umsetzen und neue Realitäten schaffen. Es ist eine privilegierte Form von Arbeit und wer einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, eigene Überlegungen lebendig werden zu lassen, wird sich selbst lebendig fühlen. Wir müssen Verantwortung übernehmen für uns und unsere Zukunft. Wir werden nicht länger von Chefs durch unsere Karrieren ge-guided. Es liegt in uns voranzumachen."

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit!

future self_2

Veränderung | Das richtige Mindset

Hört man Adrian zu, kann man – je nach Persönlichkeit – rebellieren, in Schockstarre verharren, die neue Welt zögerlich annehmen oder mit Freude loslegen. An diesem Punkt wird der Innovations-Stratege der Baloise offensiv konfrontativ. "Mein Learning aus der Zeit, als wir den Konzernbereich IT Schweiz umgebaut haben, lautet: Wer nicht mit uns in die Zukunft gehen will, blockiert uns. Blockade heisst Stillstand und Sterben. Wenn die Baloise überleben will, brauchen wir Mitarbeitende, die sich massiv weiterentwickeln wollen. Es ist auch eine soziale Transformation. Wir brauchen flache Hierarchien, müssen konsequenter aus Fehlern lernen, die Fachbereiche müssen adaptieren was die IT Schweiz heute vorlebt. Wir sind noch begrenzt effizient und u.a. durch Bürokratie in unserer Entwicklung gebremst."

Digital Mindset, Digital Leadership

Die agile Zusammenarbeit, die Adrian gemeinsam mit seinen Kollegen in der IT Schweiz implementiert hat, sickert nun also in die gesamte Organisation. Der nächste Meilenstein – hin zu einer immensen Vereinfachung. "Nehmen wir Google", sagt Adrian. "Sie haben einen Algorithmus und der gibt dir konkret Antwort auf deine individuelle Frage. Einfacher geht es nicht. Das perfekte Kundenerlebnis. Das muss unser Ziel sein." Adrian plädiert dafür, dass jeder Mitarbeitende regelmässig Kundenkontakt pflegen sollte. "Daraus lässt sich lernen. In der Baloise ist bereits sehr viel angelegt auf dem Weg in die Zukunft, aber wir beschäftigen uns noch zu sehr mit uns selbst. Der Prozess muss weiter vorangetrieben werden – hin zu mehr digital mindsets, mehr digital leadership, mehr Transparenz. Das ermöglicht gruppenweit Innovationen."

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