Lippen lesen mit Maske | Wie geht das?

Corinna Fröschke
3. Dezember 2020
Digitalisierung, Diversität, Haltung / Einstellung, Kultur, Networking
Stell dir vor, du stehst im Supermarkt und willst bezahlen. Den Kassierer und dich trennen zwei Masken und eine Plexiglasscheibe. Wieviel verstehst du noch? - Mit solchen Hindernissen hört unser Kollege Jan Philipp Berger, Projekt Portfolio Manager, permanent. Er ist hochgradig schwerhörig. Normalerweise hilft es ihm auch sehr, von den Lippen abzulesen, aber die Corona-Masken haben einiges verändert.

Sprechen lernen, ohne hören zu können

Als Jan-Philipp Mitte der 80er geboren wurde, empfahl man gehörlosen oder hochgradig schwerhörigen Kindern für gewöhnlich separate Bildungsstätten und brachte ihnen Gebärdensprache bei. Jan-Philipp aber spricht nicht in Gebärden, er kann es nicht, denn seine Eltern entschieden sich gegen diesen üblichen Weg. «Als ein Luftballon platzte und ich mich nicht erschreckt habe, fanden meine Eltern heraus, dass ich nicht hören kann», erklärt Jan-Philipp. «Dennoch wünschten sie sich, dass ich unter «Hörenden» gross werde.»

Darstellung eines Ohres mit Cochleaimplantat

Hören mit einem Cochlea Implantat

Von klein auf ging er in öffentliche Kitas und Schulen, sowie zu einer besonderen Logopädin, die ihn ausschliesslich Lautsprache lehrte. «Dieser Therapie und einer speziellen Hörgerättechnik – samt dem so genannten Cochlea Implantat - verdanke ich, dass ich heute sprechen kann.»

Ich gehe gern auf Leute zu, liebe persönlichen Austausch und löse Probleme direkt.

Projektportfolio-Management ist (auch) Stakeholder-Management

Wer mit Jan-Philipp (34) redet, erlebt einen aufgeschlossenen und fröhlich interessierten Mann. Er lacht, erzählt und man merkt kaum, dass sein Sprechen als hochgradig Schwerhöriger eine gewisse Einschränkung erfahren hat.

«Ich gehe gern auf Leute zu und löse Probleme im persönlichen Austausch», sagt er und passt genau deshalb gut in seinen Job als Projekt-Portfoliomanager. «Diesen Support schätzen viele.» Als Leiter des entsprechenden Boards behält er den Überblick über mehrere Projekte gleichzeitig, begleitet sie von ihrer Entstehung bis zum Abschluss, plant, verwaltet Budgets und kontrolliert Abhängigkeiten.

«Das bedeutet, dass ich mit verschiedenen Menschen zusammenarbeite, viel kommuniziere und koordiniere. «Wer mich reden hört, meint oft, ich sei Schwede. Dass ich hochgradig schwerhörig bin, darauf kommen nur wenige.»

Die Pandemie fordert alle

«Seit der Pandemie, insbesondere seit wir Masken tragen, sind die Bedingungen für das Hören und sich akustisch Verstehen für uns alle schwieriger geworden, erzählt Jan-Philipp. «Für mich persönlich sind die Herausforderungen vielfältig – gerade im Home Office.» Lippen lesen hinter Masken ist unmöglich und die Virtualität hat ihre Tücken. Verpixelte Video-Telefonate mit teils stotternder Ton-Qualität sind nicht nur für Hörende ein Graus.

Seit dreizehn Jahren gehört Jan-Philipp zur Baloise, heute zum Bereich Business IT Services«Viele fragen mich – unabhängig von Covid - wie ich eigentlich höre. Ich glaube, ich höre wie jemand, der nicht ganz sattelfest in einer Fremdsprache unterwegs ist. Von 12 Wörtern verstehe ich vielleicht 7 und reime mir den Rest zusammen. Ausserdem lese ich viel von den Lippen ab und gewinne so wertvolle Informationen, um verstehen zu können.»

 

ein junger Mann mit blonden Haaren, weissem Hemd lehnt an Stoffwand

Bei der Baloise war meine Einschränkung nie ein Thema. Ich hatte immer die volle Unterstützung.

Gemeinsam stärker

Seit Corona finden Meetings vermehrt virtuell statt – oft mit mehreren Teilnehmern, in denen alle aufeinander reagieren. Nicht immer gelingt es Jan-Philipp ad hoc zu erkennen, wenn er direkt angesprochen wird. «Dann muss man mich halt 2x ansprechen», lacht er und fügt hinzu: «Ich habe immer die volle Unterstützung vom Team.»

Bemerkenswert, wie locker und selbstverständlich der 34-jährige mit den neuen Herausforderungen umgeht und in ihnen obendrein Gutes erkennt. «Immerhin habe ich heute ein Videobild beim Telefonieren oder ein Chatfenster zum Chatten. Früher am Telefon mussten alle laut und langsam sprechen.»

Die Baloise lebt eine Gemeinschaft, in der wir miteinander etwas bewirken. Wir nutzen unsere verschiedenen Stärken und dazu kann ich meinen Teil beitragen.»

Mutiger Arbeitgeber, offene Kultur

Manchmal überlegt Jan-Philipp, ob ihm ein anderer Arbeitgeber auch mit dieser Selbstverständlichkeit begegnet wäre.

«Wir leben eine besondere Kultur», lobt er. «Wir sind offen und probieren viel aus. Das spüre ich jetzt in der Pandemie umso mehr. Wir sehen heute, welch grosse Unterstützung die IT zu unser aller Arbeit leistet: wie sehr die Digitalisierung uns auch verbindet - gerade wenn wir Abstand halten sollen.»

Bei der Baloise wird derzeit ein neuer Digital Workplace eingeführt. Jan-Philipp beschreibt neue integrierte Möglichkeiten der Zusammenarbeit. «Teamwork ist bei der Baloise wichtig. Für mich leben wir eine Gemeinschaft, in der wir miteinander etwas bewirken. Wir nutzen unsere verschiedenen Stärken und dazu kann ich meinen Teil beitragen – wie jede/r andere.»

Top